Bei größeren Investitionen reicht ein reiner Preisvergleich oft nicht aus. Mit einem Request for Proposal (RFP) holst du strukturierte Lösungsvorschläge ein und kannst Anbieter:innen anhand einheitlicher Kriterien vergleichen.
Dieser Beitrag zeigt dir, wie du ein RFP erstellst, Anforderungen klar formulierst und Angebote, Kosten sowie Zeitpläne fundiert bewertest.
Was ist ein RFP (Request for Proposal)?
Per Definition ist ein RFP eine strukturierte Angebotsanfrage für komplexe Projekte, Produkte oder Dienstleistungen. Es beschreibt Ziele, Anforderungen und Bewertungskriterien, damit Anbieter:innen passende Lösungsvorschläge entwickeln können. Anders als bei einer reinen Preisanfrage zählt nicht nur der Preis, sondern auch die fachliche Eignung. RFPs helfen, Angebote objektiv zu vergleichen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Wann ist ein RFP sinnvoll?
Ein RFP lohnt sich vor allem dann, wenn verschiedene Lösungswege infrage kommen und du Anbieter:innen nicht allein anhand des Preises vergleichen kannst.
Das ist häufig der Fall, wenn:
- die Anforderungen komplex oder teilweise noch offen sind,
- mehrere Abteilungen am Projekt beteiligt sind,
- eine größere Investition geplant ist,
- technische und organisatorische Anforderungen zusammenkommen,
- verschiedene Anbieter:innen unterschiedliche Lösungsansätze verfolgen können,
- die Entscheidung intern dokumentiert und begründet werden soll.
Für einen klar definierten Standardkauf wäre ein ausführlicher RFP dagegen meist unnötig. Wenn du beispielsweise bereits exakt weißt, welches Produkt du in welcher Menge benötigst und nur Preise vergleichen möchtest, eignet sich eine RFQ besser.
Wie umfangreich ein RFP ablaufen sollte, hängt deshalb nicht allein von der Projektgröße ab. Ein kleineres Unternehmen kann für die Auswahl eines zentralen Systems einen detaillierten RFP benötigen, während ein großes Unternehmen einen standardisierten Einkauf ohne umfassenden Auswahlprozess durchführen kann.
RFP, RFQ und RFI: Was ist der Unterschied?
RFP, RFQ und RFI gehören alle zum Beschaffungsprozess, beantworten aber unterschiedliche Fragen.
RFI: Request for Information
Mit einem Request for Information sammelst du zunächst allgemeine Informationen über den Markt und mögliche Anbieter:innen. Ein RFI bietet sich an, wenn du noch nicht genau weißt, welche Lösungen verfügbar sind oder welche Anforderungen realistisch sind.
Die zentrale Frage lautet: Welche Möglichkeiten gibt es?
RFP: Request for Proposal
Beim Request for Proposal stehen konkrete Lösungsvorschläge im Mittelpunkt. Du beschreibst dein Problem, deine Ziele sowie wichtige Anforderungen und bittest Anbieter:innen darum, einen passenden Ansatz vorzuschlagen.
Die zentrale Frage lautet: Wie würdest du unser Problem lösen?
Dabei kannst du neben dem Preis auch die vorgeschlagene Vorgehensweise der Anbieter:innen bewerten.
RFQ: Request for Quotation
Eine Request for Quotation ist stärker auf Preise und Konditionen ausgerichtet. Sie eignet sich für Leistungen oder Produkte, deren Umfang bereits eindeutig feststeht.
Die zentrale Frage lautet: Was kostet die definierte Leistung?
Ein Unternehmen kann die Verfahren auch nacheinander einsetzen. So kannst du zunächst mit einem RFI mögliche Anbieter:innen identifizieren, anschließend mit einem RFP konkrete Lösungen vergleichen und bei klar definierten Leistungen abschließend Preise über eine RFQ einholen.
Welche Vorteile und Nachteile hat ein RFP?
Ein strukturierter RFP-Prozess bietet besonders bei komplexen Entscheidungen mehrere Vorteile.
Zu den wichtigsten gehören:
- Vergleichbarkeit: Alle Anbieter:innen erhalten dieselben Ausgangsinformationen.
- Transparenz: Anforderungen und Bewertungskriterien werden im Voraus festgelegt.
- Bessere Planung: Kosten, Zeitrahmen und mögliche Herausforderungen werden früher sichtbar.
- Größere Auswahl: Unterschiedliche Anbieter:innen können verschiedene Lösungswege einbringen.
- Nachvollziehbare Entscheidungen: Die Auswahl lässt sich anhand dokumentierter Kriterien begründen.
Gleichzeitig verursacht ein RFP Aufwand. Die Anforderungen müssen intern abgestimmt, Dokumente müssen erstellt, Rückfragen müssen beantwortet und Angebote müssen ausgewertet werden. Ein zu detaillierter Fragenkatalog kann außerdem dazu führen, dass Anbieter:innen kaum noch Raum für bessere oder innovativere Lösungen haben.
Deshalb sollte dein RFP so präzise wie nötig, aber so offen wie möglich sein. Beschreibe vor allem das gewünschte Ergebnis und wichtige Einschränkungen, statt jede technische Lösung bereits selbst vorzugeben.
Was gehört in ein RFP?
Der genaue Aufbau hängt von deinem Projekt ab. Die folgenden Bestandteile bilden jedoch eine gute Grundlage.
1. Unternehmens- und Projekthintergrund
Gib Anbieter:innen ausreichend Kontext, damit sie deine Situation verstehen. Dazu gehören beispielsweise dein Geschäftsmodell, relevante Zielgruppen, Märkte und der Anlass des Projekts.
Du musst dafür keinen vollständigen Businessplan offenlegen. Wichtig sind Informationen, die für die vorgeschlagene Lösung relevant sind.
2. Projektziele
Erkläre, welches Ergebnis du erreichen möchtest. Statt nur eine Funktion zu fordern, solltest du möglichst das dahinterliegende Problem beschreiben.
Bei einem E-Commerce-Projekt könnte ein Ziel beispielsweise sein, manuelle Prozesse zu reduzieren, neue Märkte schneller zu erschließen oder mehrere Vertriebskanäle zentral zu verwalten.
Messbare Ziele erleichtern später auch die Bewertung der eingehenden Vorschläge.
3. Anforderungen und Projektumfang
Beschreibe, welche Leistungen benötigt werden und welche Rahmenbedingungen berücksichtigt werden müssen.
Unterscheide dabei möglichst zwischen:
- unverzichtbaren Anforderungen,
- wichtigen Anforderungen,
- optionalen Funktionen.
Diese Priorisierung verhindert, dass eine lange Wunschliste den Blick auf die tatsächlich entscheidenden Punkte verstellt.
4. Budgetrahmen
Ein Budget oder zumindest eine realistische Budgetspanne hilft Anbieter:innen dabei, geeignete Lösungen vorzuschlagen.
Fehlt diese Information vollständig, können Angebote stark auseinanderliegen, weil jedes Unternehmen von anderen Voraussetzungen ausgeht. Gleichzeitig muss dein Budget nicht bedeuten, dass der gesamte Betrag ausgeschöpft werden soll.
5. Zeitplan und Meilensteine
Nenne den gewünschten Projektstart, die geplante Fertigstellung und wichtige Zwischentermine.
Berücksichtige außerdem die einzelnen Phasen des RFP-Prozesses. Anbieter:innen benötigen Zeit, um deine Anforderungen zu prüfen, Rückfragen zu stellen und ein fundiertes Angebot zu erstellen.
6. Bewertungskriterien
Lege bereits vorab fest, nach welchen Kriterien du die eingegangenen Angebote bewerten möchtest. Mögliche Kriterien sind:
- fachliche Eignung,
- Qualität des Lösungskonzepts,
- Projekterfahrung,
- technischer Ansatz,
- Zeitplan,
- Kosten,
- Support und Zusammenarbeit,
- Skalierbarkeit.
Anhand dieser Kriterien kannst du prüfen, welche Anbieter:innen deine wichtigsten Anforderungen erfüllen. Nicht jedes Kriterium muss gleich wichtig sein. Eine Gewichtung kann deinem Team helfen, unterschiedliche Angebote möglichst konsistent zu bewerten.
7. Vorgaben für die Einreichung
Erkläre, welche Informationen Anbieter:innen liefern sollen. Dazu gehören etwa das gewünschte Format, Ansprechpartner:innen, Fristen und die Struktur des Angebots.
Einheitliche Vorgaben machen die Angebote vergleichbar und erleichtern die spätere Auswertung.
Wie läuft ein RFP-Prozess ab?
1. Definiere Bedarf und Ziele
Kläre zunächst intern, welches Problem gelöst werden soll. Beziehe die Personen ein, deren Arbeit vom Projekt betroffen ist, und trenne grundlegende Anforderungen von zusätzlichen Wünschen.
Gerade bei größeren Projekten lohnt es sich, bestehende Prozesse zu analysieren, bevor neue Lösungen bewertet werden.
2. Erstelle den RFP
Fasse Ausgangslage, Ziele, Anforderungen, Budget, Zeitplan und Auswahlkriterien in einem Dokument zusammen.
Prüfe anschließend, ob Anbieter:innen mit diesen Informationen tatsächlich einen konkreten Vorschlag entwickeln können. Unklare Anforderungen führen häufig zu Rückfragen oder Angeboten, die sich kaum miteinander vergleichen lassen.
3. Versende die Anfrage
Du kannst den RFP gezielt an potenziell geeignete Anbieter:innen senden oder – abhängig vom Projekt – breiter veröffentlichen.
Achte darauf, allen Beteiligten dieselben Informationen zur Verfügung zu stellen. Wenn während der Angebotsphase wichtige Fragen entstehen, sollten relevante Klarstellungen auch an die anderen Anbieter:innen weitergegeben werden.
4. Prüfe und vergleiche die Angebote
Bewerte die eingegangenen Angebote anhand der zuvor festgelegten Kriterien. Betrachte nicht nur den Gesamtpreis, sondern auch Leistungsumfang, Umsetzungsansatz, laufende Kosten und mögliche Risiken.
Bei einer engeren Auswahl können Präsentationen, Workshops oder vertiefende Gespräche helfen, offene Punkte zu klären.
5. Wähle eine Lösung aus
Dokumentiere, warum ein Angebot die Anforderungen besser erfüllt als andere. Anschließend können Leistungsumfang, Zeitplan und vertragliche Details abschließend geklärt werden.
Eine strukturierte Dokumentation ist auch für spätere Projekte hilfreich: Du kannst nachvollziehen, welche Anforderungen damals entscheidend waren und welche Annahmen der Auswahl zugrunde lagen.
RFP im E-Commerce: Ein praktisches Beispiel
Im E-Commerce wird ein RFP häufig genutzt, wenn eine Entscheidung mehrere Systeme und Unternehmensbereiche betrifft. Ein typisches Beispiel ist die Auswahl eines neuen Shopsystems.
Angenommen, dein Unternehmen verkauft bereits online und möchte in weitere Märkte expandieren. Gleichzeitig sollen B2B-Prozesse hinzukommen und dein bestehendes ERP-System muss angebunden werden. Je nach Projekt kann beispielsweise die technische Integration eine zentrale Komponente des RFP sein.
Dein RFP könnte unter anderem Anforderungen zu folgenden Bereichen enthalten:
- Produktkatalog und Varianten,
- B2C- und B2B-Funktionen,
- internationale Märkte und Währungen,
- Checkout und Zahlungsarten,
- Kundenkonten,
- bestehende ERP-Integration,
- Datenmigration,
- Marketingfunktionen,
- Sicherheit und Verfügbarkeit,
- Projektzeitplan und laufender Support.
Statt lediglich zu fragen, ob eine Plattform bestimmte Funktionen besitzt, kannst du konkrete Geschäftsprozesse beschreiben. Anbieter:innen können dann erläutern, wie ihre Lösung diese Anforderungen abbildet.
Dasselbe Prinzip gilt auch bei der Auswahl einer Agentur. Wenn beispielsweise ein neues Branding oder ein umfangreicher Marketingplan entwickelt werden soll, kannst du Ziele und Rahmenbedingungen definieren, ohne die konkrete Lösung bereits vollständig vorzugeben.
Häufige Fehler beim Erstellen eines RFP
Ein umfangreiches Dokument ist nicht automatisch ein guter RFP. Vermeide insbesondere diese Fehler:
- Ziele bleiben unklar: Anbieter:innen wissen zwar, welche Funktionen gewünscht sind, aber nicht, welches Problem sie lösen sollen.
- Zu viele Anforderungen werden als unverzichtbar behandelt: Dadurch verlieren tatsächliche Prioritäten an Bedeutung.
- Der Preis entscheidet allein: Ein günstigeres Angebot kann langfristig höhere Kosten oder mehr internen Aufwand verursachen.
- Bewertungskriterien entstehen erst nach Eingang der Angebote: Dadurch steigt das Risiko einer uneinheitlichen Bewertung.
- Fristen sind unrealistisch: Anbieter:innen können keine fundierten Vorschläge erarbeiten.
- Rückfragen werden nicht zentral dokumentiert: Unterschiedliche Informationsstände erschweren einen fairen Vergleich.
Eine klare Struktur und früh festgelegte Prioritäten sind daher meist wichtiger als ein möglichst langer Fragenkatalog.
Fazit: Mit einem RFP Angebote strukturiert vergleichen
Ein RFP schafft eine gemeinsame Grundlage, wenn du für ein komplexes Projekt nicht nur Preise, sondern konkrete Lösungsvorschläge vergleichen möchtest. Ein klar strukturierter Prozess hilft dir dabei, diese Angebote effizient auszuwerten und deine Entscheidung nachvollziehbar zu dokumentieren. Entscheidend sind klare Ziele, nachvollziehbare Anforderungen, ein realistischer Zeitplan und Bewertungskriterien, die bereits vor dem Eingang der Angebote feststehen.
Für einfache, vollständig definierte Einkäufe ist der Aufwand häufig nicht notwendig. Je strategischer und komplexer eine Entscheidung jedoch ist, desto stärker kann ein strukturierter RFP-Prozess dabei helfen, passende Anbieter:innen zu identifizieren und unterschiedliche Ansätze nachvollziehbar zu bewerten.




